|
Im September wurde auch Zarskoje Selo, das die Sowjets in Puschkin umbenannt hatten, von einer Kampfgruppe der 6. deutschen Panzerdivision genommen. Den ehemaligen Sommerpalast fanden die Soldaten nur leicht beschädigt. auch das Bernsteinzimmer war unversehrt. Ganz offensichtlich hatte den Sowjets vor ihrer Flucht die Zeit nicht mehr gereicht, das Kunstwerk vor Zerstörung und Plünderung zu bewahren und in Sicherheit zu bringen. das taten nun die Deutschen. Bereits im November meldete die Königsberger Allgemeine Zeitung: “Wände aus Bernstein im Schlos”. Im Königsberger Schloss machte sich Dr. Alfred Rohde, Direktor der Königsberger Bernsteinsammlung, sofort an den Wiederaufbau. Im Frühjahr 1942 wurde das “neue” Bernsteinzimmer zur Besichtigung freigegeben, doch von dem ehemaligen Prunk war nicht mehr viel übrig. Die einst vorhandenen Bilder waren verschwunden, viele Bernsteinplatten hatten ihre kunstvollen Schnitzereien verloren, manche grösseren Teile fehlten ganz der früher so glanzvolle Festsaal war nur noch ein Torso, ein Schatten seiner selbst. Der Anfang vom Ende Im Januar 1945 tauchten die ersten sowjetischen Truppen vor Königsberg auf. Tausende von Flüchtlingen verliessen die Stadt, zogen in langen Kolonnen, ihre Habe auf hochbepackten Leiterwagen verstaut, auf der Alten Landstrasse zum Hafen von Pillau, wo die rettenden Schiffe warteten. Der Grossteil der Zurückgebliebenen wurde in den folgenden Wochen durch Seuchen hinweggerafft oder starb den Hungertod. Die Deutschen konnten die Stadt nicht mehr lange halten: Am 9 April kapitulierten sie; tags darauf marschierten die Sieger ein. Wenig später kam auch der Moskauer Kunstexperte Viktor Barsov in die Stadt. Sein Auftrag: Aufspürung und Bergung aller geraubten sowjetischen Kunstschätze. Einer seiner ersten Wege führte ihn zum Schloss. Das Kunstmuseum war zerstört, Rohdes Dienstwohnung ebenfalls. doch Rohde und seine Frau waren noch da. Weil Barsow und seine wenigen Mitarbeiter kein Deutsch sprachen, verpflichteten sie das Ehepaar, ihnen zu helfen. die beiden bekamen dafür Lebensmittel und ein kleines Gehalt und zeigten sich sehr kooperativ. Doch sobald ein deutscher auftauchte, den Rohde nicht kannte, änderte sich sein Verhalten: Er wurde nervös und wirkte seltsam gehetzt. Eine Tages entdeckte man Rohde beim Verbrennen von Papieren; er machte einen völlig verstörten Eindruck. Kurz danach erschien das Ehepaar nicht mehr zum Dienst. statt dessen kam ein von einem deutschen Arzt ausgestellter Totenschein. darauf hiess es, die beiden seien am Fleckfieber gestorben. Hellhörig geworden liess Barsow die Schrifftstücke übersetzen, die Rohde nicht mehr hatte verbrennen können. Und erst durch sie erfuhr er, das im Keller des Königsberger Schlosses das Bernsteinzimmer eingelagert gewesen war. Das hatte ihm Rohde verschwiegen |
|